Holocaust Gedenktag - Haifa Heim Update

Überschattet von der Tatsache, dass der Antisemitismus weltweit steigt, hielten wir an einem regnerischen Tag den HolocaustGedenktag ab. Wir versammelten uns draußen – Holocaustüberlebende, Soldaten, Schulkinder, Mitarbeiter des HaifaHeims, Rabbis und Vertreter der Botschaften von Russland, Rumänien, Taiwan und Indien. Zusammen gedachten wir den schrecklichen Geschehnissen des Holocausts. ICEJ-Mitarbeiterin Yudit Setz wandte sich an die Teilnehmer mit folgenden Worten:

„Liebe Überlebende des Holocausts. An diesem schweren Tag möchte ich Euch im Namen vieler Christen aus der ganzen Welt, die an Eurer Seite stehen, Trost zusprechen. Nette Worte auf Gedenkveranstaltungen verhallen in diesen Zeiten leer und bedeutungslos, wenn sie nicht von Taten begleitet werden. Die ICEJ repräsentiert Christen, die sich die Worte Ruths an Naomi zu Herzen genommen haben. „Dein Volk ist auch mein Volk, und dein Gott, ist auch mein Gott“. Wir stehen an Eurer  Seite im Gebet und in Taten, wir bekämpfen den Antisemitismus und stehen auf für das Recht. Ihr seid nicht alleine!“ Diese Worte waren wie ein Funken Hoffnung in einer Zeit, in der Israel von der Welt allein gelassen wird.  Gegen aller Widrigkeiten, gegen das dunkelste Kapitel der Geschichte.

Das Leben Feiern

Geburtstage sind es immer wert, dass man sie feiert! Unsere Heimbewohner sind immer sehr berührt von all der Aufmerksamkeit, den Luftballons, und der Wertevermittlung, die sie an diesem Tag spüren. Eine unserer Bewohnerinnen aus der Ukraine organisierte an ihrem Geburtstag ein Fest und lud alle Mitarbeiter zu ihr ein. Es hat ihr so viel Freude bereitet, dieses Fest vorzubereiten.

Man konnte sehen, wie sehr sie sich freute, aber ihre Rede von diesem Abend hat uns alle berührt. Sie erzählte von ihrer Flucht vor 2 Jahren aus Odessa, und wie es ihr damit ging: „Als ich hier ankam, musste ich jeden Tag weinen. Denn ich musste all meine sozialen Kontakte, meine Heimat und alles, was ich kannte, zurücklassen. Mein Mann war noch nicht lange verstorben und mein Sohn wohnte im Ausland und so fühlte ich mich sehr verlassen. Aber ich konnte hier wieder eine Familie finden. Ihr seid meine Familie! Ich bin sehr dankbar, dass ich hier in dieser Gemeinschaft leben darf, für all die Versorgung und für dieses Gefühl des Dazugehörens.“

 

Solidaritätsreise-Teilnehmer besuchen das Haifa Heim

Eine Reisegruppe der ICEJ aus Deutschland mit über 40 Personen besuchte uns vor kurzem in Israel. Sie brachten Geschenke, sangen Lieder und ermutigten die Bewohner des Haifa-Heims sehr. Alle waren sehr berührt, dass sie gekommen waren mitten im Krieg, obwohl im Westen der Antisemitismus steigt. Als unsere Holocaustüberlebende Lena von der deutschen Gruppe ein Geschenk erhielt, war sie sichtlich berührt. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie sagte: „Wäre ich nicht hier im Haifa-Heim, hätte ich nicht mitbekommen, dass es so viele Christen aus Deutschland gibt, die uns wohlgesonnen sind.“Und dann sagte sie noch: „Vielen Dank an alle Christen aus Deutschland, dass Ihr Israel unterstützt, dass ihr für uns betet und helft und uns mögt. Dass ihr uns besucht, sogar inmitten des Krieges. Vielen, vielen Dank, Gott segne Euch. “ Lenas Worte repräsentieren, was viele Bewohner empfunden haben, die von der Solidarität der deutschen Reisegruppe berührt waren.

 

Genia Schwartzbert ist von uns gegangen.

Diesen Monat ist Genia Schwartzbert, eine Bewohnerin des Haifa-Heims, mit fast 101 Jahren von uns gegangen. Sie musste viel Verlust während des Holocausts ertragen. Der Tod ihrer Eltern, die Trennung von ihrem Bruder, während sie auf die jüngere Schwester aufpasste. Nachdem sie 1957 nach Israel gekommen war, musste sie noch weitere persönliche Tragödien erleben, aber sie ist stark geblieben. Genia hat ihre Zeit im Haifa-Heim genossen. Sie wurde in Haifa im Kreis ihrer Lieben beerdigt. Wir werden sie sehr vermissen. Danke, an alle, die sie unterstützt haben.

 

 


Ständiger Raketenbeschuss der Hisbollah vom Libanon aus und Vernichtungsankündigungen aus dem Iran: Israel steht am Rande eines großen Kriegs. Wir haben in den vergangenen Wochen Vorbereitungen getroffen, um die Bewohner unseres Haifa-Heims im Ernstfall schützen zu können. Ein kleiner Einblick.

Gefährliche Nordgrenze

Die israelische Regierung warnte bereits, dass Zehntausende von der Nordgrenze evakuierte Israelis möglicherweise noch länger nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Bis heute feuert die Hisbollah täglich Raketen auf Nordisrael ab. Die Sicherheit der israelischen Ortschaften dort kann nur gewährleistet werden, wenn die israelische Armee (IDF) in den Südlibanon vordringt und die Terrororganisation Hisbollah aus dem Grenzgebiet zurückdrängt. Dies würde aber wahrscheinlich zu einer erheblichen Eskalation führen.

Um das Haifa-Heim der ICEJ im Kriegsfall besser schützen zu können, haben wir mehrere Maßnahmen ergriffen: Wir haben in Zusammenarbeit mit der Stadt Haifa und dem Elektrizitätswerk einen großen Notstromgenerator organisiert, der im Falle eines Stromausfalls nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern den gesamten Block, in dem die meisten Bewohner leben, mit Strom versorgen kann. Außerdem steht jetzt ein Schutzbunker direkt beim Speisesaal, um während der Mahlzeiten oder bei Veranstaltungen schnellen Zugang zu ermöglichen. Aktuell kaufen wir Lebensmittel- und Notfallartikel, um Vorräte anzulegen, falls niemand mehr nach draußen gehen kann oder die Versorgung zusammenbricht.

Bunker und Krankenwagen

Ein weiterer Schutzbunker steht jetzt nahe des wichtigsten Versammlungsorts unseres Heims, außerdem haben wir einen großen unterirdischen Schutzraum in einer öffentlichen Schule auf der anderen Straßenseite eingerichtet. Hier können die Bewohner längerfristig untergebracht werden, falls Haifa unter tagelangen Raketenbeschuss gerät. Und nicht zuletzt haben wir einen neuen Krankenwagen gespendet, der speziell auf die Bedürfnisse älterer Personen zugeschnitten ist und die medizinische Versorgungslage aller Holocaustüberlebender in der Region Haifa verbessern kann.

Ort für schöne Stunden

Und wir haben unseren Speisesaal umfassend renoviert und die Küche modernisiert – denn wir wollen den Senioren gerade in dieser Zeit ganz bewusst möglichst viele schöne Momente schenken. Ziel war es, diesen Gemeinschaftsraum so schön und warm wie möglich zu gestalten. Es ist gelungen! Nach einem Monat harter Arbeit durch eine sorgfältig ausgewählte Gruppe wunderbarer Bauarbeiter konnten wir Mitte Februar die festliche Wiedereröffnung feiern. Unsere Bewohner lieben diesen Ort und freuen sich über die Konzerte und Gruppenbesuche, die hier stattfinden.

Beten wir, dass sich der Konflikt an Israels Nordgrenze nicht ausweitet, denn die Bewohner des Heims haben in ihrem Leben schon genug Kriege und Leid gesehen. Bitte beten Sie mit uns!

 

Manias Botschaft

Botschafter und Diplomaten aus mehreren Ländern kamen ins Haifa-Heim der ICEJ, um zum Internationalen Holocaust-Gedenktag ihre Unterstützung für das jüdische Volk zu bekundeten. Mania, Holocaustüberlebende und Bewohnerin des Haifa-Heims, gab ihnen eine ernüchternde Botschaft mit auf den Weg: Der Schwur „Nie wieder“ sei angesichts der Massaker der Hamas offenbar bedeutungslos geworden. Der zunehmende Antisemitismus in Europa nähere sich dem Stand der 1930er Jahre, warnte die Seniorin. Deshalb sei es wichtig, dass die Holocaustüberlebenden ihre Stimme erheben – und erinnern.

Gedenken an Moshe Bar Haim

Moshe Bar Haim, ein Bewohner unseres Haifa-Heims, wurde in Rumänien geboren und erlebte eine glückliche Kindheit, bis sich sein Leben während des Zweiten Weltkriegs schlagartig änderte. Die Familie musste sich verstecken und lebte in der allgegenwärtigen Angst vor Entdeckung.

Deutsche Streitkräfte spürten die Familie auf und verschleppten Eltern und Kinder in verschiedene Konzentrationslager. Der Horror, den Moshe dort erlebte, traumatisierte ihn und prägte den Rest seines Lebens.

Moshe überlebte und wurde von der russischen Armee befreit. Er bestieg ein Schiff zum Mandatsgebiet Palästina. Doch britische Streifkräfte stoppten das Boot und brachten die Flüchtlinge nach Zypern, wo Moshe zusammen mit den anderen jüdischen Flüchtlingen in ein Internierungslager gesperrt wurde. Letztendlich schaffte Moshe es nach Israel, studierte dort Agrarwissenschaft, diente als Soldat in der Armee und wurde schließlich Lehrer. Später zog er nach Amerika, entdeckte sein Talent als Koch und betrieb zusammen mit seiner Frau ein florierendes Restaurant.

Leider wurde Moshes Leben erneut von Trauer geprägt, als er nach 46 Jahren seine Frau und auch seine jüngste Tochter verlor. Altersbedingt benötigte Moshe ein unterstützendes Umfeld, das er im Haifa-Heim fand. Es war sein Zuhause bis zu seinem Tod am 30. Januar 2024 im Alter von 90 Jahren. Sein Tod hinterlässt bei seiner Familie, seinen Freunden und der gesamten Gemeinschaft des Haifa-Heims eine große Lücke.

 

Yaacov feierte 100. Geburtstag

Willkommen im exklusiven Club der 100-Jährigen! Yaacov H. erreichte dieses biblische Alter, wie schon zwei andere Bewohner mit polnischen Wurzeln. Das Geheimnis des hohen Alters? Die Senioren sind sich einig: Die hingebungsvolle Betreuung durch unsere wunderbaren Pfleger, die rund um die Uhr im Einsatz sind, sowie die Aktivitäten und die Liebe, die im Heim angeboten werden. Trotz der schwierigen Zeit bleibt unser Haifa-Heim ein Ort der Wärme und Freude. Dafür sind wir alle sehr dankbar!

 

Bitte unterstützen Sie das Haifa-Heim mit Ihrer Spende. Herzlichen Dank!

 

 

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Ringen um Momente des Glücks

Nicht nur der Krieg, auch der bösartige Hass auf Juden, der aktuell überall auf der Welt offen zur Schau gestellt wird, trifft unsere Holocaustüberlebenden zutiefst. Dunkle Erinnerungen werden wach, die Bewohner sind oft traurig und deprimiert. Unser Team unternimmt alles, um dennoch Momente des Glücks in ihr Leben zu bringen.

Leere Worte

Unsere Holocaustüberlebenden beobachten die Entwicklung im In- und Ausland sehr genau. Sie sind erschüttert, dass der Schwur „Nie wieder!“ wohl nur leere Worte waren. Viele leiden noch immer unter den Traumata ihrer Jugend.

Therapie mit Kunst

Sehr wertvoll ist hier die Arbeit unserer Kunsttherapeutin Nancy. Sie arbeitet mit einzelnen Bewohnern und kleinen Gruppen. Die Kunsttherapie bereitet den Bewohnern viel Freude. Während mit verschiedenen Materialien und Farben Kunstwerke geschaffen werden, oft zu biblischen Themen, ist es den Senioren einfacher möglich, über Gefühle zu sprechen. „Das hilft mir auch, all die schrecklichen Dinge, die passiert sind, für einen Moment zu vergessen und an etwas anderes zu denken“, erzählt Heimbewohnerin Sofia.

Hilfreiche Puppen

Vor einigen Jahren erhielten wir von Christen aus Finnland therapeutische Puppen. Diese Puppen sind derzeit besonders wertvoll. Sie fühlen sich an wie echte Babys und bringen unsere Bewohner zum Lächeln. Die Puppen werden auch in der Physiotherapie eingesetzt – mit großartigen Ergebnissen.

Verschönerungen

Wir arbeiten außerdem weiter daran, die Umgebung des Haifa-Heims für die Bewohner so schön wie möglich zu gestalten. Kürzlich haben wir unseren Physiotherapieraum um einen einladenden Fitnessraum erweitert. Selbst Senioren, die nicht an unseren beiden wöchentlichen Gymnastikgruppen teilnehmen, kommen jetzt zum Fitnesstraining und haben viel Spaß dabei. Die warme Atmosphäre, gepaart mit professioneller Betreuung durch unseren Physiotherapeuten Simcha, ist eine Wohltat für ihre Seele. Auch unser Speisesaal wird aktuell renoviert und verschönert.

 Arabische Kinder zu Besuch

Eine Gruppe israelisch-arabischer Kinder im Alter von 7 bis 9 Jahren besuchte kürzlich unser Heim in Begleitung einiger Betreuer und Eltern. Ihr Wunsch war es, den Holocaustüberlebenden eine Freude zu bereiten – und das ist ihnen sehr gelungen. Die Kinder, die fast alle einen muslimischen Hintergrund haben, hatten sich als Weihnachtsmänner verkleidet, sangen inbrünstig „Jingle Bells“ auf Arabisch und verteilten Weihnachtsgeschenke an die Bewohner. Wir hatten für die kleinen Gäste Buntstifte und Malpapier vorbereitet, beides wurde nach dem Auftritt von den Kindern gemeinsam mit den Senioren eifrig genutzt. Die Liebe, die bei diesem Treffen ausgestrahlt wurde, war sehr berührend – und ein wunderbares Beispiel für die Koexistenz in unserer Stadt Haifa, in der Juden und Araber in Frieden zusammenleben. Ein wahres Licht leuchtete inmitten all der Dunkelheit, die uns umgibt.

 

Bitte unterstützen Sie das Haifa-Heim mit Ihrer Spende. Herzlichen Dank!

 


Zähe Nachforschungen eines britischen Historikers und ein Film von „Faszination Israel“ machten es möglich: Unsere 95-jährige Bewohnerin Sarah Zamir erhielt Besuch vom Urenkel des Ehepaars, dem sie ihr Überleben verdankt. Eine Geschichte über Mut und Nächstenliebe.

MUTIGE RETTER Geboren als Ilse Böhm, wuchs Sarah in einer religiösen jüdischen Familie in der Nähe von Breslau auf. 1939 floh die Familie vor den Nazis nach Belgien. Doch schon bald begannen die Deportationen der belgischen Juden. Sarahs Familienangehörige wurde in Konzentrationslager verschleppt, aus denen sie nie wieder zurückkehrten. Doch die 14-jährige Sarah wurde von einem mutigen katholischen Ehepaar aus Antwerpen versteckt. „Sie waren nicht nur gute Menschen“, erinnert sich Sarah, „sie waren wie Engel.“

Der Brite Charlie Knight sorgte für einen späten Glücksmoment. Der Historiker erforscht persönliche Aufzeichnungen deutsch-jüdischer Flüchtlinge der 1930er und 40er Jahre, darunter auch Briefe von Sarahs Vater, Ernst Böhm. Bei diesen Briefen fand Knight eine Postkarte von Ilse, deren Schicksal zunächst unklar war. Weitere Nachforschungen des Historikers ergaben, dass Ilse überlebt hatte, nach Israel ausgewandert war und nun Sarah Zamir hieß.

IM FILM ENTDECKT Nachdem er Sarah im Film „Belgier, Katholiken, Engel“ von „Faszination Israel“ in den sozialen Medien entdeckt hatte, kontaktierte Knight die ICEJ und kam kurz darauf in unser Haifa-Heim, um Sarah kennenzulernen. Die Holocaustüberlebende erzählte dem Historiker ausführlich von ihren Rettern. Ausgestattet mit diesen neuen Informationen wagte Knight neue Nachforschungen – und konnte die Familie des Ehepaars ausfindig machen, dem Sarah ihr Leben verdankt.

Die Familie wusste von Ilse. Der Urenkel der Retter, Vince, hatte durch seinen Großvater von Ilse erfahren. Der Großvater war in Ilses Alter und hatte als Kind die Rettungsaktion im Haus seiner Eltern miterlebt. In späteren Jahren sprach der Großvater immer wieder von seiner jüdischen Pflegeschwester. Er wusste nichts über ihren Verbleib, aber er äußerte die Hoffnung, dass sie ein langes, gesundes Leben führen durfte.

ÜBERWÄLTIGENDE GEFÜHLE Als Vince von Sarah hörte, beschloss er, nach Israel zu reisen, um sie zu besuchen. Sarah konnte es kaum fassen! Ihre eigene Enkelin war bei der außergewöhnlichen Begegnung dabei. „Es war unbeschreiblich bewegend und eine Ehre, die Familie zu treffen, die meine Großmutter gerettet hat“, betonte die Enkelin danach. „Wir waren von den Gefühlen überwältigt“, bestätigte auch Vince. „Erst konnten wir einfach nur zusammen weinen. Doch dann unterhielten wir uns, als ob wir uns schon ewig kennen würden.“ Vince und Sarah vereinbarten, sich zu schreiben – der Kontakt soll nicht wieder verlorengehen. 

Filmtipp: Berlgier, Katholiken, Engel zu sehen unter www.faszinationisrael.de


Wir treffen Josef Aron in Yad Vashem. „Ich bin oft hier“, erzählt uns der Holocaustüberlebende. Warum er die Holocaust-Gedenkstätte immer wieder besucht, fragen wir ihn. „Ich suche nach meiner Familie“.

Josef Aron, geboren 1935 in Frankfurt am Main. Zwei Geschwister und sein Vater sind die einzigen Überlebenden der einstigen jüdischen Großfamilie. Seine Mutter und acht weitere Geschwister wurden in Auschwitz vergast.

Es herrscht absolute Stille, als Josef Aron uns von seinem Leben erzählt. Wir sitzen in einem Kreis, neben ihmsteht ein Glas mit Wasser. Immer, wenn er einen Moment braucht, um sich zu sammeln, wird er aus diesem Glas trinken.

Seine Familie lebt in einem Reihenhaus in Frankfurt am Main. Als die Lage für Juden in Deutschland gefährlicher wird, flüchtet Arons Vater nach Holland. Seine Mutter bleibt mit elf Kindern allein zurück. Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, bringt sie drei ihrer Kinder, darunter Josef, in ein Kinderheim nach Frankreich.

Als Josef sechs Jahre alt ist, kommen die Deutschen, während die Kinder schlafen, nehmen sie noch in ihren Nachthemden mit und zwingen sie in Viehwagons. Die Luft ist stickig, es gibt kaum Raum und kein Wasser. Als der Zug in Bergen-Bel-

sen ankommt, müssen die Kinder über die Leichen derer klettern, die die Fahrt nicht überlebt haben. Josef klammert sich an die Hand seiner älteren Schwester. Sie versucht, ihn zu beruhigen, versichert ihm: „Solange du bei mir bist, wird dir nichts passieren“. Bei der Selektion werden sie getrennt. Die verängstigten Kin- der stehen in Reihen, daneben die Soldaten. Wer zeigt, dass er müde, erschöpft oder krank ist, wird erschossen.

Wir sind betroffen. Es scheint, als könne man die Schwere des Erzählten in der Luft fühlen. Für die meisten von uns ist es das erste Mal, die Erlebnisse eines Überlebenden persönlich zu hören. Die schwere Stille wird durch einen lauten Handy-Klingelton unterbrochen. Das Smartphone gehört Josef Aron.
Der 88-Jährige blickt kurz auf das Display. „Das ist meine Nichte“, verrät er uns. Er freut sich über ihren Anruf. Sie reden kurz auf Hebräisch mit- einander. Dann erzählt Aron auf Deutsch weiter und die Schwere kehrt zurück.

Einmal entdeckt Josef nach der Zwangsarbeit eine rohe Kartoffel auf dem Boden. Der Hunger treibt ihn dazu, die Kartoffel aufzuheben und einen kleinen Teil zu essen. Als er die Kartoffel mit anderen Kindern teilen will, sieht ihn ein SS- Mann und brüllt.

„Du dreckiger Jude! Die Kartoffel gehört nicht dir, sie gehört den Deutschen!“, wiederholt Josef Aron die Worte des Mannes. Es fällt ihm schwer. Dann trinkt er einen Schluck Wasser, scheint kurz in Erinnerungen versunken.

Josef wird von SS-Männern gepackt und in einen unterirdischen Raum gestoßen, in dem die Häftlinge gefoltert werden. Seine Peiniger binden das Kind auf einem Tisch fest und reißen ihm alle Zehennägel aus.

„Diesen Schmerz spüre ich noch heute“, unterbricht der 88-Jährige den Erzählfluss und schweigt. Niemand spricht.

Am nächsten Tag muss er wieder arbeiten. Einige Monate später wird er zusammen mit einigen anderen Kindern beim morgendlichen Appell aus der Reihe gezogen. Sie werden in einen Raum gezerrt, an den Armen aufgehängt und ausgepeitscht.

Josef Aron ringt sichtlich um Fassung und man sieht, dass es ihm schwerfällt, weiterzusprechen. Wir haben Tränen in den Augen.

Die nächsten Jahre werden er und die anderen Kindern täglich von den Soldaten gefoltert und vergewaltigt. Er ist dem Tode näher als dem Leben. Sein Glaube ist es, der ihn durch diese Hölle auf Erden hilft. Als er von den Briten befreit wird, ist Josef zehn Jahre alt und nur elf Kilogramm schwer. Er kommt in ein Spital in Genf. Ein ganzes Jahr vergeht, bis sich das Kind soweit erholt hat, dass es zu einer jüdischen Familie nach Basel gebracht werden kann.

Dem Roten Kreuz gelingt es, seine Schwester ausfindig zu machen. Doch er kann sich nicht mehr an sie erinnern. Erst langsam kehrt die Erinnerung zurück. Das Rote Kreuz findet auch den Vater der Geschwister in Holland, aber Josefs Schwester weigert sich, bei ihm zu leben.

Die Geschwister gelangen mit einem Schiff ins Heilige Land. Dort werden sie wieder getrennt. Josefs Schwester kommt in ein Kibbuz, während man ihn in ein Kinderheim bringt. Er lebt in verschiedenen Heimen, bis er auf die Straße gestellt wird. Ohne Wohnung, ohne Hilfe und ohne Ausbildung.

Josef Aron schläft auf einer Bank im Park und isst aus Mülleimern. Bis ihn der deutsche Jude Rubinstein aufgabelt. Er lässt ihn bei sich wohnen, hilft ihm, Arbeit zu finden und auf eigenen Beinen zu stehen. Seinen ersten Job bekommt Josef Aron durch ein Wunder: Er bewirbt sich in einem Café. Doch der Besitzer lehnt ab – denn der Bewerber kann weder lesen noch rechnen. Verzweifelt zieht sich der junge Mann in eine Ecke des Cafés zurück und weint und betet zu Gott. „Auf einmal spürte ich, wie sich eine Hand auf meine Schulter legte und eine Stimme sagte: Die Welt ist offen für dich. Ich bin bei dir.“

Noch heute hört man die Ergriffenheit in seiner Stimme, als Josef Aron uns von diesem besonderen Augenblick erzählt.

Ab diesem Moment kann er lesen, schreiben, rechnen – und beherrscht sechs Sprachen fließend. Der Café-Besitzer erlebt das Wunder mit und gibt ihm den Job. Josef Aron liebt den Kellner-Beruf.

Doch nach einiger Zeit zieht es Josef Aron zurück nach Deutschland, zurück nach Frankfurt, weil er hofft, bei seinem ehemaligen Elternhaus vermissten Famili- enangehörigen zu begegnen. Diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Doch er erhält ein anderes Geschenk: Niedergeschlagen will er sich bereits auf den Heimweg machen, als er den starken Drang verspürt, bei einem anderen Reihenhaus zu klingeln. Er tut es.

Die Frau, die ihm öffnet, bricht bei seinem Anblick in Tränen aus: „Du siehst aus wie deine Mutter!“ Ehe sie von den Nazis abgeholt wurde, hatte Josefs Mutter dieser ehemaligen Nachbarin Bilder der Familie zur Aufbewahrung anvertraut.

Josef Aron holt wieder sein Handy hervor und reicht es herum. Der Reihe nach dürfen wir uns ein altes Bild seiner Mutter ansehen, das sein Handy als Hintergrundbild ziert. Er ist sichtlich stolz auf seine schöne und starke Mutter.

Er bleibt in Europa. Über zehn Jahre kellnert Josef Aron in einem jüdischen Hotel im Schweizer Grindelwald am Fusse der Eiger Nordwand. Dann kehrt er nach Jerusalem zurück und arbeitet bis zu seinem Ruhestand als Kellner im Café Max.

Wie kann ein Mensch mit dieser Lebensgeschichte so viel Freundlichkeit und Lebensmut ausstrahlen?
Josef Aron ist messianischer Jude, erfahren wir noch. Und wenn er nicht in Yad Vashem auf Spurensuche ist, verbringt er seinen Vormittag mit Freunden im Café. Er lädt auch unsere deutsche Reisegruppe zu einer weiteren Begegnung ein – ganz unzwungen im „Bezalel“.

Viele Holocaustüberlebende in Israel leben in Armut. Bitte unterstützen Sie unseren Hilfsdienst für bedürftige Holocaustüberlebende. Herzlichen Dank!