Mutiger Einsatz für jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine

Mutiger Einsatz für jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine

Der Krieg in der Ukraine hat die größte Flüchtlingswelle der Nachkriegszeit in Europa ausgelöst. Laut UN-Angaben haben inzwischen mehr als 2,8 Millionen Menschen die Ukraine verlassen, die meisten von ihnen halten sich in Polen auf. Viele wollen in den Westen weiterziehen, andere in den Nachbarländern der Ukraine ausharren, in der Hoffnung, bald wieder zurückkehren zu können. Der Krieg und die sich abzeichnende humanitäre Katastrophe macht auch vor der jüdischen Gemeinde der Ukraine nicht Halt. Tausende Juden haben die Ukraine bereits verlassen, sie ereilt dasselbe Schicksal wie ihre christlichen Mitbürger: Männer zwischen 18 und 60 Jahren werden an der Grenze zurückgehalten, nur Frauen und Kinder dürfen ausreisen. Neben ihren Ehemännern und Brüdern lassen viele Frauen auch ihre Eltern und Großeltern zurück. Um jeden Preis wollen sie ihre Kinder in Sicherheit bringen. (Foto: ICEJ, Endlich in Israel! Eine ukrainisch-jüdische Mutter ist mit ihrer kleinen Tochter in Israel eingetroffen, 06.03.2022)

Gefährliche Evakuierung

„Angesichts der enormen Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, ist es ein Vorrecht, helfen zu können“, erklärte Danielle Mor von der Jewish Agency (Israels Einwanderungsbehörde). „Wenn vor achtzig Jahren unsere Mitarbeiter an den Grenzübergängen gestanden hätten, welch einen Unterschied hätte dies gemacht! Dass es den Staat Israel heute gibt, ist allein der Treue Gottes zu verdanken. Wir sind dankbar, dass wir ein Land haben, in das wir unser Volk aufnehmen können, in dem wir ihnen Zuflucht bieten können.“

Die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) unterstützt die Jewish Agency dabei, so viele jüdische Flüchtlinge wie möglich aus der Ukraine zu evakuieren. Doch angesichts der andauernden Kampfhandlungen sind Busse Mangelware. Wenn dennoch einer aufgetrieben werden kann, dann zu exorbitanten Preisen. Die Busfahrer riskieren ihr Leben dabei, Flüchtlinge auf unsicheren Straßen durch Kriegsgebiet zu befördern, und bestehen auf eine entsprechende Vergütung. Auch ein Sicherheitsmann muss angeheuert werden, zum Schutz der Flüchtlinge. (Foto: JAFI, Diese Mutter konnte mit ihrer kleinen Tochter evakuiert werden. Ihr Mann und ihre Großeltern blieben in der Ukraine zurück, 26.02.2022)

In einem Auffangzentrum in der Westukraine können rund 1.000 Flüchtlinge untergebracht werden, die von dort weiter nach Polen oder Ungarn reisen. Jenseits der Grenze, in Polen, Ungarn, Rumänien und Moldawien, wurden einige Hotels und Jugendherbergen angemietet, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Dort sind sie erst einmal in Sicherheit, bekommen ein warmes Bett, drei Mahlzeiten am Tag und erhalten medizinische Versorgung und notwendige Kleidung. Das wichtigste ist jedoch: hier fassen sie wieder Hoffnung für die Zukunft. 

Erleichterte Einreiseregelung

Viele der Flüchtlinge entscheiden sich, nach Israel auszuwandern. Bereits in den ersten zwei Wochen des Krieges sind mehr als 2.000 ukrainische Juden nach Israel eingewandert. Um die große Flut an Einwanderungsanträgen zu bewältigen und auch wegen der fast überfüllten Notunterkünfte in Europa, will Israel nun seine Einwanderungsregelungen ändern. Statt die Einwanderungsanträge wie bisher vor der Abreise zu prüfen und Staatsbürgerschaft bei der Einreise zu erteilen, dürfen nun alle, die den israelischen Beamten ihre jüdische Abstammung glaubhaft machen können, nach Israel einreisen. Erst dann folgt der zum Teil langwierige bürokratische Prozess, in dem ihr Anspruch auf Staatsbürgerschaft geprüft wird.

Berührende Schicksale

Neben den besorgniserregenden Meldungen aus dem Kriegsgebiet und den belagerten Städten erreichen uns immer wieder zahlreiche bewegende Berichte über das Schicksal der Geflüchteten und den mutigen Einsatz von Mitarbeitern der ICEJ, der Jewish Agency und anderer Partnerorganisationen.

Tapfere Schwestern

Vor wenigen Tagen trafen in einer der Notunterkünfte in Warschau zwei jüdische Schwestern ein. Die beiden Mädchen, zwölf und dreizehn Jahre alt, waren allein aus der Ukraine geflüchtet. Ihre Mutter blieb zurück, um sich um ihre betagten Eltern zu kümmern. Rund 36 Stunden dauerte ihre Flucht. Sie reisten u.a. mit einem restlos überfüllten Zug. In ihrem Abteil, das für 40 Reisende ausgelegt war, befanden sich rund 400 Personen. An der polnisch-ukrainischen Grenze wurden sie von den Mitarbeitern der Jewish Agency in Empfang genommen und umgehend in Sicherheit gebracht. Da es sich um unbegleitete minderjährige Einwanderer handelt, stattete ihnen der israelische Botschafter noch einen persönlichen Besuch ab.

Israeli rettet seinen 95-jährigen Vater

Auch ein 95-jähriger Holocaustüberlebender aus Kiew hat in Warschau Zuflucht gefunden. Als der Krieg ausbrach, weigerte er sich vehement, Kiew zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Schließlich flog sein in Israel lebender Sohn nach Europa und überquerte die Grenze in die Ukraine, um zu seinem Vater zu gelangen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Polen. Insgesamt waren sie acht Tage lang unterwegs, teilweise legten sie den Weg zu Fuß zurück. Immer wieder halfen ihnen Fremde. Nun sind sie wohlbehalten in Warschau untergebracht und warten auf den Flug nach Israel.

Holocaustüberlebende gerettet

Schimon Sabag, Leiter unserer Partnerorganisation Yad Ezer Le’Chaver und Direktor unseres Heims für Holocaustüberlebende in Haifa, ist mit einem Team in die Ukraine gereist, um dort nach jüdischen Holocaustüberlebenden zu suchen. Viele von ihnen, geschwächt und gesundheitlich angeschlagen, harren in genau denselben Kellern und Verstecken aus, in denen sie bereits im Zweiten Weltkrieg Zuflucht suchen mussten. Die immer wieder aufheulenden Sirenen und die bedrohlichen Einschläge der Geschosse lassen alte Traumata des Krieges und der durchlebten Verfolgung wieder wach werden. Bis zum Donnerstag konnte Schimon in Kiew 37 Überlebende ausfindig machen, 27 von ihnen brachen noch am selben Abend mit einem Bus der Jewish Agency in Richtung Polen auf. Von dort sollen sie nach Israel gebracht werden, wo sie bei Angehörigen oder in Alters- und Pflegeheimen untergebracht und versorgt werden. Möglicherweise werden einige von ihnen sogar im Haifa-Heim ein neues Zuhause finden!


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